Richard Wagner, ein Dramatiker, der auch komponieren musste
1947:
Als Kind erhielt ich von meiner Tante ein altes mechanisches Grammophon mit Schalltrichter, einem Schächtelchen Nadeln und drei Schellackplatten in der Größe 28 cm.
Eine Platte war die Ouvertüre zu "Rienzi" von Richard Wagner. Mangels anderer medialer Angebote wurde diese Platte immer wieder abgespielt. Dauerhaft blieb mir der langgezogene Trompetenton und der "Reitermarsch" in Erinnerung. Beide Passagen haben einen hohen Wiedererkennungswert. Ansonsten hinterließ diese Musik bei mir keinen bleibenden Eindruck.
Ganz anders war es bei Adolf Hitler, 50 Jahre früher. Dieser soll sich ja durch eine Aufführung der Oper "Rienzi" als 15-jähriger in seiner Heimatstadt Graz derart beeinflussen lassen, dass dadurch sein ganzes Leben als "Rienzi" inszeniert worden ist, einschließlich dem Untergang des "nichtswürdigen Deutschen Volkes". Auch auf den Reichsparteitagen wurden jeweils bei den großen Aufmärschen die Ouvertüre zu "Rienzi" gespielt. Diese Oper begleitete tatsächlich seinen gesamten Aufstieg und den totalen Untergang.
1957:
Als Schüler des "Deutschen Gymnasiums" einem musischen Gymnasium, bekamen wir Kontakt zu jungen Soldaten aus der US-Kaserne. Einer dieser Soldaten schenkte mir seinen Plattenspieler (diesmal schon elektrisch) mit mehreren Platten. Eine davon erhielt mehrere Musikstücke aus den "Meistersingern". Bleibender Eindruck auf Dauer: Das Preislied und vor allem der Wach auf-Chor in strahlendem C-Dur.
1967:
Zahnarzt Dr. Richard Schneider war damals der Vorsitzende des losen "Richard Wagner Vereins" er schenkte einem Studienfreund von mir zwei Karten für die Bayreuther Festspiele, und zwar für Lohengrin.
Der Schulfreund gab eine der Karten weiter an mich. Aber nicht deswegen, weil ich damals ein Wagnerfreund gewesen wäre, sondern praktischer Weise einfach ganz deswegen, weil ich über ein kleines Auto, für die Fahrt nach Bayreuth, verfügte.
Die bleibende Eindrücke nach dieser Aufführung das ist aber eine "schwere Musik". Weit mehr in Erinnerung blieben die Bratwürste in der Pause. Mein Schulfreund war damals ein gerade zu glühender Wagnerianer, was mir für einen jungen Studenten ziemlich übertrieben erschien.
1977:
Auf irgendeine Weise kam ich wieder zu Karten für die Bayreuther Festspiele, und zwar "Parsifal" mit Peter Hofmann. Diesmal fand ich die Aufführung schon ganz nett, vor allem der technisch perfekte Zaubergarten Klingsors beeindruckte mich sehr. Peter Hofmann, der ja damals der große Star war, fand ich allerdings nicht so toll, wie ich anhand der Pressehuldigungen der letzten Jahre erwartet hatte.
Was blieb von Parsifal: Schon ein etwas konkreterer Eindruck von Musik, Handlung, Bühnenbild und Regie.
1987:
Einladung nach München zur Abschlussvorstellung der "Münchener Opernfestspiele" am 31. Juli, traditionell mit den "Meistersingern".
Dabei wurde mir schon Bekanntes geboten. Immerhin erlebte ich nach 40 Jahren ganz intensiv den dritten Aufzug mit der Festwiese und dem "Wach auf-Chor" auf der Bühne. Es war eine großartige Aufführung, die mich in jeder Hinsicht begeisterte. Dirigent war meiner Meinung nach Wolfgang Sawallisch. Besonders gut gefiel mir auch das Preislied.
1997:
Von meinen Bayreuther Freunden erhielt ich eine Karte zur Generalprobe des "Rheingold" unter James Levine. Dieses Glück verdankte ich der Tatsache, dass mein 9-jähriger Patensohn in Niebelheim als einer der Zwerge mitwirkte. (Seither duzt er sich mit Siegfried Jerusalem).
Obwohl ich damals schon ausgesprochener Opernfreund war (immerhin seit Karajahns Zeiten auch Stammgast bei den "Salzburger Festspielen"), konnte ich mit der ganzen Aufführung nichts anfangen. Allerdings hatte Levine die Tempi auch furchtbar gedehnt. Dabei ist doch das "Rheingold" neben dem "Holländer" mit zwei Stunden zwanzig Minuten die kürzeste aller Wagneropern, also insgesamt solange, wie der dritte Aufzug der "Götterdämmerung" alleine.
Nach der Aufführung habe ich mich bei meinen Freunden beklagt, dass im "Rheingold" keine einzige Melodie in meinem Gedächtnis haften geblieben war, die ich hätte nachsingen können. Ich hatte ja erwartet, wie ich es als Opernfreund gewohnt war, Arien, Duette und Chöre zu hören.
Als bleibender Eindruck machte sich in meinem Gedächtnis immerhin schon die raffinierte Instrumentierung und Lautmalerei fest.
Wenn es so weiter gegangen wäre, hätte mein Leben niemals ausgereicht, um mich Richard Wagner auch nur zu nähern. Für 50 Jahre -obwohl ausgesprochener Opernfreund- ein außerordentlich mageres Ergebnis.
Allerdings muss man gerechter Weise sagen, Richard Wagner macht die Annäherung auch nicht gerade leicht.
Teil ....: Wer ist denn dieser Richard Wagner überhaupt?
Wie kann man sich dieser gewaltigen Persönlichkeit überhaupt nähern?
Immerhin ist Richard Wagner eine der facettenreichsten Persönlichkeiten der gesamten Menschheit. Wenn man bedenkt, dass auf der Erde bislang vielleicht 100 Milliarden Menschen (oder mehr oder weniger) gelebt haben, dann ist
folgende Aussage schon außerordentlich erstaunlich:
Experten haben über das Internet alle Zeilen gezählt, die über bedeutende Persönlichkeiten der Weltgeschichte verfasst wurden. Dabei ergab sich im Spitzenfeld folgende Reihenfolge:
1. Jesus von Nazareth
2. Napoleon Buonaparte
3. Richard Wagner!
Wie soll bei dem Umfang an Literatur von und über Richard Wagner ein einheitliches Bild dieser gewaltigen Persönlichkeit gezeichnet werden.
Es gibt nicht nur viele Wege zu Richard Wagner, es gibt auch kein klares Ziel, weil es viele "Richard Wagner" gibt, unter anderem:
Wagner - Der Komponist
Wagner - Der Dramatiker
Wagner - Der Schnorrer und das Pumpgenie
Wagner - Der Revolutionär, der auf Barrikaden stieg
Wagner - Der Ehebrecher
Wagner - Der Monoman und Egozentriker
Wagner - Der liebevolle Ehemann (Cosimas) und fürsorgliche Vater (auch
von Cosimas Kindern aus erster Ehe mit Hans von Bülow)
Wagner - Der Königsfreund, des Königs "Geliebter"
Wagner - Die Leseratte - der Briefeschreiber
Wagner - Der Antisemit und Wegbereiter Hitlers?
Wagner - Der Sprachschöpfer
Wagner - Der Erfinder des "Gesamtkunstwerks"
Wagner - Der Erfinder der "unendlichen Melodie"
Wagner - Der Erfinder der "Leitmotive"
Wagner - Der unübertroffene Meister der Instrumentalisierung
Wagner - Der Verfasser musik-wissenschaftlicher Schriften
Wagner - Der Schöpfer der Grundlagen der modernen Musik (einschließlich der
Filmmusik in Hollywood
Wagner - Der einzige private Erbauer eines Opernhauses in Deutschland, nämlich
des Festspielhauses auf dem "grünen Hügel"
Wagner - Der Vegetarier und Hundefreund
Wagner - Der Psychologe
Teil ....: Richard Wagner Verband Bamberg
Nach fast 60 Jahren ohne Erfolg in der Annäherung an Wagner kam dann mit der Gründung des Richard Wagner Verbandes Bamberg im Mai 2003 doch ein erster Schritt zustande.
Nach dem Aufruf von Frau Dr. Huther-Thor im FT am Jahresende 2002 meldete ich mich bei ihr telefonisch als etwaiger Mitbegründer. Auf ihre Frage, ob ich auch bereit wäre aktiv mit zu arbeiten, antwortete ich mit einem spontanen Ja (ungefähr so, wie man das am Standesamt tut).
Nicht, dass ich mich für Richard Wagner damals besonders interessiert hätte (siehe oben).
Mich reizte vielmehr die organisatorische Aufgabe, etwas zu gestalten bzw. etwas auf die Beine zu stellen. Und so geschah es dann auch. Jedenfalls kam ich so doch häufiger und intensiver mit Leben und Werk Wagners in Berührung. Mein Wissen wuchs nach und nach. In diesem Zusammenhang besuchte ich auch etwa 2004 die konzertante Aufführung des "Siegfried" in der Konzert- und Kongresshalle.
Dabei machte ich eine - jedenfalls für mich völlig neue und überraschende Beobachtung.
Als die Sänger einsetzten, wurden plötzlich vor mir, hinter mir, neben mir, überall Reclam-Heftchen gezückt und mitgelesen. So etwas war mir neu.
Aber wie gesagt, man lernt ja immer noch dazu.
Der entscheidende Tag für die Annäherung an Wagner war für mich der 22.05.2004. Dieses Datum weiß ich noch, weil ich damals mit 4 Damen (Prinzessinnen) des RWV eine konzertante Aufführung von "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg" in Eisenach erlebte, und zwar eben auf der Wartburg in Eisenach. Eine Kulisse war nicht nötig: Der Festsaal war ja schon der Original-Schauplatz.
Aber diesmal hatte ich schon etwas hinzugelernt. Ich hatte mein eigenes Reclam-Heftchen dabei und konnte also den Text mitlesen.
Und siehe da, das Wunder geschah.
Über den Text erschloss sich mir die Handlung und über die Handlung erschloss sich mir - die Musik!
Auf einmal fiel es mir wie Schuppen von den Augen: der Text ist es, der Text ist ja ungeheuer wichtig, ohne Text ist die Musik ja gar nicht verständlich.
Wagner braucht nicht die Musik, um den Text auszuschmücken wie andere Komponisten. Es ist umgekehrt. Der Text bedarf der Musik, um sich völlig ausdrücken zu können. Dabei wurde mir schlagartig klar:
Mein Gott, Wagner ist ja ein Dramatiker, der die Musik braucht, um seinen Dramen zur Wirkung zu verhelfen. Und damit sind wir bei
Teil ....: Richard Wagner als Dramatiker
Ich hatte nämlich mein Thema gefunden, mit dem ich mich seither immer intensiver beschäftigte.
Richard Wagner - ein Dramatiker, der auch komponieren musste.
Das ist natürlich provokativ ausgedrückt, aber die Provokation ist gewollt.
Jedoch stehe ich mit dieser Schätzung keines falls alleine da, auch wenn das in Deutschland etwas ungewohnt klingt. Ich hatte früher schon gehört, dass Wagner so zum Beispiel in Frankreich in erster Linie als Dramatiker geschätzt wird.
Das hatte ich früher nie verstanden. Zum Einen deswegen, weil ich nicht genau hingehört und verstanden hatte, dass Wagner als Dichter so hoch geschätzt würde. Inzwischen weiß ich, dass es "Dramatiker" heißen muss.
Das ist jemand, der einen epischen Stoff für das Theater bearbeitet und ihn dabei den Darstellungsmöglichkeiten und -grenzen einer Aufführung auf der Bühne anpasst.
Im Vordergrund steht die Erstellung einer Dialogfassung; notwendig wird meist eine Raffung und Kürzung der Handlung auf die wenigen Situationen sowie eine Beschränkung auf die wichtigsten Figuren. Das gelang ihm zum Beispiel bei Tristan und Isolde von Gottfried von Straßburg sowie beim Parsifal des Wolfram von Eschenbach.
Ich selbst musste allerdings zu meinem "Tannhäuser-Erlebnis" bekennen, dass ich noch niemals einen Text von Wagner bewusst gelesen hatte.
Dabei hatte sich Wagner zeit seines Lebens mehr mit Dramen und Literatur intensiv beschäftigt.
Anhand der Tagebücher von Cosima Wagner (ich kann inzwischen voller Stolz berichten, dass ich die zwei Bände mit 2.300 Seiten voll durchgearbeitet habe), auch numerisch nachvollziehen.
Dort wird nämlich für die Jahre 1867 bis zum Tode im Jahre 1883 Tag für Tag vermerkt, womit sich Richard und Cosima Wagner beschäftigen. Das umfangreiche Personenverzeichnis des Herausgebers der Tagebücher, nämlich des von mir außerordentlich hochgeschätzten Martin Gregor-Dellin ergibt folgende "Hitliste"
Namensnennungen in den Tagebüchern
von Cosima Wagner
Komponisten:
212 x Ludwig van Beethoven
114 x Wolfgang Amadeus Mozart
97 x Carl Maria von Weber
43 x Johann Sebastian Bach
35 x Felix Mendelssohn-Bartholdy
32 x Hector Berlioz
23 x Giacomo Meyerbeer
2 x Giuseppe Verdi (1819 -1901)
Dichter und Schriftsteller:
270 x Johann Wolfgang von Goethe
127 x William Shakespeare
115 x Nietzsche
98 x Friedrich von Schiller
73 x Arthur Schopenhauer
49 x Miguel Cervantes
17 x E.T.A. Hoffmann
Sonstige:
51 x Jesus von Nazareth
Daraus wird ersichtlich, dass Richard Wagner und seine Ehefrau Cosima sich weit mehr mit Dichtung und Dichtern als mit Musik und Komponisten Tag für Tag beschäftigt haben.
Damit wird ein Bild zurecht gerückt, in dem Richard Wagner ausschließlich als Komponist erscheint. Er war mindestens genauso Dichter und Dramatiker. (Schopenhauer schätzte an Wagner vor allem den Dichter, seine Musik könne er "an den Nagel hängen".
Nur so ist es zu erklären, dass er auch Dramen geschrieben hat, die von vorne herein nicht zur Vertonung bestimmt waren und auch nie vertont wurden.
· Das Ritterstück "Leubald und Adelaide" geschaffen im zarten Alter von 15 Jahren (und WWV Nr. 1)
· Die Sarazenin
· Wieland der Schmied
· Jesus von Nazareth
· Friedrich (der) Rotbart
· Die Hochzeit (unvollendet)
· Männerlist größer als Frauenlist oder:
· Die glückliche Bärenfamilie (Musik verschollen)
Schonmal was davon gehört? Ich nicht.
Wagner bediente sich nur deswegen der Oper, weil er eines musikalisch-szenischen Apparates zur Verwirklichung seiner dramatischen Konzeption bedurfte und diesen in der Oper zu finden glaubte.
Der eigentliche und wesentliche Einfluss Hoffmanns auf Wagner aus meiner Sicht besteht im dramatischen Bereich. Und damit wäre ich bei meinem derzeitigen dicken Lieblingsthema überhaupt: Richard Wagner als Dramatiker.
Ich vertrete zunehmend die These, dass Wagner als Dramatiker noch größer ist, wie als Dichter.
Nach meiner Auffassung bediente er sich der Oper nur deswegen, weil er einen musikalisch-szenischen Apparat zur Verwirklichung seiner dramatischen Konzeption bedurfte.
In seinen Frühwerken erkannte er noch nicht, dass die Mitwirkung der Tonkunst "den Atem der Dichtkunst zu ungeahnter Fülle ausdehnen würde" (III, 185 seiner Biographie).
Überall, wo die Musik zur vollsten Entfaltung gelangt, gehorcht sie einem dramatischen Zwang.
Deswegen soll der V. und letzte Teil des Vortrags die Überschrift tragen.
Richard Wagner´s "Gesamtkunstwerk", was ist das eigentlich?
Im gesamten Werk Wagners kann man weder die Musik, noch die Dichtung, noch die Szenerie, noch die Gebärden wahrhaft begreifen, wenn man sie nicht alle vom Standpunkt der dramatischen Handlung aus auffasst.
In der griechischen Tragödie (Äschylos, Sophokles) war die Handlung nur durch den Verstand und Geist geprägt. Die Schauspieler waren "anonymisiert" und trugen Masken.
Erst bei Shakespeare kam das Auge hinzu. Shakespeare ließ die Masken fallen und die Gebärden und die Mimik zum Einsatz kommen.
Richard Wagner fügte schließlich das Ohr hinzu. Das glänzendste und überragende Beispiel besitzen wir gerade in "Tristan und Isolde" wo im zweiten und dritten Aufzug die leidenschaftliche Handlung, die bis zum Tode führt, eine gänzlich innere ist. Szenisch ereignet sich in diesen beiden Akten fast gar nichts. Die ganze Dramatik findet im Inneren, und damit in den Texten statt. Wer aber den Text nicht versteht, dem bleibt die Dramatik verschlossen.
Nur so ist verständlich, warum die Franzosen beispielsweise den "Dramatiker" Wagner über den "Komponisten" Wagner stellen.
Es gibt Literaturkritiker, die den "Ring" zu den größten Dramen der Weltliteratur zählen, so wie Goethes "Faust" oder das Gesamtwerk Shakespears.
Diesen Texten möchte ich in Zukunft meine besondere Aufmerksamkeit widmen.
Die erste und unerlässlichste Einsicht ist es, zu begreifen, dassWagner von allem Anfang an in erster Linie dramatischer Dichter war; die zweite, dass seine dramatische Begabung von Hause aus in einem besonderen individuellen Gestaltungstrieb sich kund tat, bei welchem Wort und Ton als gleichwertig gelten betätigten. Als Kind hat ihn von allen Unterrichtsgegenständen die Dichtkunst am meisten begeistert und zwar vor allem die epische und dramatische; und als er ungefähr 15 Jahre zählte, arbeitete er zwei ganze Jahre lang an einer großartigen Tragödie. Diese Tatsache ist höchst bezeichnend. Wir sehen, dass die poetische Inspiration schon im zartesten Jünglingsalter nach der festen Gestaltung des Wortes und nach der bestimmenden Mitwirkung des Auges verlangte. Wir haben also einen Seher, dass heißt, einen Dichter, im Gegensatz zu dem bloß musikalisch angelegten Menschen, dessen Vorstellungsfeld eine völlig neblige sein kann und selbst bei genialen Tonkünstlern häufig ist.
Als seine Tragödie aber vollendet war, fasste der Jüngling den Entschluss, sie mit Musik zu versehen; er empfand, dass er seine dramatische Absicht ohne die Mitwirkung der Musik nicht vollkommen verwirklichen könnte.
Für jeden Deutschen zählen die Werke Goethes und Schillers eindeutig zur Weltliteratur. Gerade der Einfluss des "Faust" auf die gesamte Kunst und Literatur des 19. Jahrhundert kann nicht groß genug herausgestellt werden. Opern nach Werken von Schiller und Goethe, zum Beispiel bei den Franzosen oder Italienern sind dort Teil des kulturellen Verständnisses. Sei es nun Don Carlos oder Luisa Miller bei "Verdi", Maria Stuart bei "Dornizetti" oder bei den Franzosen "Werther von Jules Massenet", so ist das Teil der bürgerlichen Kunst in Italien oder Frankreich.
Das hat gerade auch Thomas Mann in einer Rede im Exil über "die Kunst des Romans kritisch und selbstkritisch dargestellt, wenn er sagt: "Die Kunst des bürgerlichen Romans, sie wird eigentlich von den großen Franzosen repräsentiert, von Stendhal, Balzac, Flaubert bis Zola`, von den großen Engländern, dem Amerikanern mit Melville, den großen Russen mit Tolstoi, Goggol, Turgenjew und Dostojewski. Thomas Mann fragt: "Wie kommt es, dass wir keinen deutschen Namen haben, der im Weltmaßstab damit verglichen werden kann?"
Zwar erwähnt er die großen Romane, etwa von Gottfried Keller aber Theodor Fontane, schränkt aber gleich ein, dass es sich dabei nicht um Weltliteratur im Sinne der großen Franzosen oder Russen handelt. Der einzig wirklich große Roman des 19. Jahrhunderts ist aus der Sicht Thomas Manns die "Effi Briest" von Theodor Fontane. Aber, was bedeutet die "Effi Briest" gegenüber der Weltgeltung von "Madame Bovay" oder der "Anna Karenina" von Tolstoi.
Thomas Mann gibt eine sehr interessante Antwort. Er sagt, es gibt ein Gegengewicht, ein Gegenstück von deutscher Seite zur Kunst des bürgerlichen Romans im 19. Jahrhundert. Es wird von keinem Romancier verkündet, sondern von Richard Wagner. Ich glaube, der Gedanke ist richtig und deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen in den letzten Jahren.
Wohl auch deswegen hat der große Literaturwissenschaftler Hans Mayer einen Aufsatz geschrieben über das Thema "Wagners Ring als bürgerlicher Roman". Daher weist er auch auf zwei Ausnahmen neben Richard Wagner hin, zwar nicht in der Form des Erzählens, sondern des Verhältnisses zur Literatur und damit zum Verhältnis von Literatur und Realität: Es sind ETA-Hoffmann und Heinrich Heine. Über Heine brauchen wir an diesem Abend nicht zu sprechen. Aber ETA-Hoffmann ist ein Weltereignis seit der Goethezeit gewesen. Wir müssen genauer sagen, ein Weltereignis gegen Goethe. Goethe hat das sehr genau gespürt. Er konnte den Hoffmann nicht ausstehen.
Um was geht es? Was hat ihn, Goethe, irritiert?
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