Richard -Wagner -Verband Bamberg e.V.

Es ist ein ukrainisches Volkslied, das Julia Litvinova anstimmt, die Blumenrabatten des Festspielhauses vor Augen. Erst leise und verschüchtert intoniert sie Strophen und Refrain. Eine leichte Melodie, eine zarte Stimme vor dem Portal, hinter dem sonst die wuchtigen Wagnerweisen dröhnen. Dann traut sich die 25-jährige, legt mehr Ausdruck in ihren Sopran. Passanten, die zum Fotografieren des Ziegelbaus gekommen sind, bleiben stehen, lauschen, nicken anerkennend. Keine neue Erfahrung für die junge Ukrainerin.

Schon andere haben bemerkt, dass Julia Litvinova eine besondere Gabe mitbekommen hat. Hugo Scholter zum Beispiel, der selber Musik und Schauspiel studierte und ein erfahrener Regisseur, Komponist und Sänger ist, spricht gar von einem "Ausnahmetalent". Er hat ehrenamtlich und gemeinsam mit dem Pianisten und früheren Musikschullehrer am Bamberger Kaiser-Heinrich-Gymnasium, Gerhard Weinzierl, die Ukrainerin unter die Fittiche genommen. Diese Art der Talentförderung freut die junge Dame ganz besonders. "Es ist wunderbar, mit solchen Könnern arbeiten zu dürfen."

Nicht zuletzt der Richard-Wagner-Verband Bamberg (Leitung: Ingrid Huther-Thor) in Zusammenarbeit mit der Sommer-Oper Bamberg (künstlerische und musikalische Leitung: Till Fabian Weser) haben erkannt, welche Ausnahmeerscheinung Julia Litvikova ist. Beim Vorsingen der Stipendiaten im vergangenen Jahr im Spiegelsaal beeindruckt sie die Experten - und löste die Fahrkarte, um heuer zu den Festspielen nach Bayreuth zu fahren. Während ihres Aufenthalts kam die 25-jährige in den Genuss, drei Opern am Grünen Hügel zu erleben. "Als ist in, Tristan und IsoldeŽ saß, das dachte ich: Das ist Akustik", schwärmt sie von der Klangqualität im Backsteinbau. "Man merkt: Wagner hat die Architektur so gestaltet, dass er dem Gesang den Vorrang von der Musik gegeben hat. Das ist das Beste, was ich je gehört und gesehen habe." Auf dieser Bühne einmal eine Rolle zu übernehmen, etwa die der Senta im "Fliegenden Holländer": "Ein Traum, für den es sich hart zu arbeiten lohnt."

Bereits 2009 war das Talent aus Kiew auch Oleg Dynov nicht verborgen geblieben. Der Leiter des Bildungsinstituts für Musik und Musiktheater für Musik und Musiktheater in Weitraumsdorf bei Coburg und verantwortlich für das Jungendmusikfestival im Rodachtal hatte Julia damals auf die Bühne geholt - und war wie viele andere zuvor höchst angetan von ihrer Stimme und Präsenz. Ihr Auftritt fand positiven Niederschlag auch im Feuilleton. Das Coburger Tageblatt schrieb: "Bravourös, mit bemerkenswerter stimmlicher und darstellerischer Reife, meisterte sie die Arie der Amelie aus dem "Maskenball" und die Cavatina der Leonardo aus dem "Troubadour".

In ihrer Heimatstadt Kiew absolviert Julia Litvinova mittlerweile ein Post-Diplomstudium im Fach Gesang an der Nationalen Musikakademie, der "Academy of Tschaikowsky". Sie kommt aus einem musikalisch vorbelasteten Elternhaus: Sowohl Vater als auch Mutter sind ausgebildete Sänger. Dazu spielt Klein Julia seit ihrem sechsten Lebensjahr Klavier. "Aber Singen - das ist meine Bestimmung", sagt sie selbstbewusst. Mit ihren 25 Jahren verfügt sie bereits über einen bemerkenswerten Umfang ihres Soprans. Dafür übt sie fünf Tage die Woche.

Nach ihren musikalischen Vorlieben gefragt, kommt wie aus der Kanone gefeuert: Verdi, Schubert, Tschaikowsky, klassischer Jazz - und Wagner. Daher ist die Einladung nach Bayreuth für Julia Litvinova ein Glücksfall. Hoffentlich auch ein Sprungbrett für die weitere Karriere.

Wie schwer es ist, selbst als Ausnahmetalent den Sprung aus der Masse zu schaffen, das wissen auch Raimund und Jasenka Roth, die zum zweiten Mal Gasteltern der Ukrainerin sind (Jasenka Roth ist Mitglied im Vorstand des Richard-Wagner-Verbands Bamberg). "Wir wissen, was Julia kann", sagt Raimund Roth. "Aber es gibt, gerade aus ihrem Heimatland, viele aufstrebende Künstler, die zwar irgendwann in den Westen kommen - aber eben leider nicht als Sänger oder Musiker hier arbeiten, ihre wahre Profession also nicht ausüben können."

Das jedoch ist genau das Ziel ihrer Gaststudentin: Singen, ihre Bestimmung als Beruf. Dafür braucht es - Talent hin oder her - Förderer. Insofern, so Raimund Roth, sei es "segenreich, wie die Wagner-Verbände das Vermächtnis des Komponisten umsetzen und junge Menschen wie Julia unterstützen". Dass sie noch viel und positiv von sich reden macht, davon ist der Bamberger überzeugt. Als Beweis dafür nimmt er den Vorschlag des Verbandes, die 25-Jährige für den internationalen Wettbewerb "Junge Wagner-Stimmen" im kommenden Jahr in Karlsruhe zu nominieren. Mit einer Teilnahme hätte Julia Litvinova gute Aussichten auf den Start einer großen Karriere. Und wer weiß: Irgendwann singt sie vielleicht im Festspielhaus. Wenn auch kein ukrainisches Volkslied.

TALENT Manchem Experten gilt Julia Livinova als Ausnahmetalent. Als Stipendiatin des Richard-Wagner-Verbands Bamberg reiste die 25-jährige Studentin aus der Ukraine zu den Bayreuther Festspielen. Die Sopranistin träumt davon, dort einmal die Senta zu singen.




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